LATAM: wirtschaftlicher Aufschwung 2019

Am Ende des Superwahljahres in Lateinamerika lohnt es sich, einen Blick auf die wirtschaftlichen Prognosen der Region und einzelnen Länder zu werfen. Wo ist Wachstum zu erwarten? Welche politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen können Wachstum befördern oder hemmen? Was ist von den neuen Regierungen zu erwarten? Einen Überblick liefert dieser Artikel:

 

LATAM-Prognose für 2019

Nachdem Lateinamerika in den letzten Jahren aufgrund von Wirtschaftskrisen und Misswirtschaft nur ein geringes Wachstum zu verzeichnen hatte, ist für 2019 eine deutliche Erholung zu erwarten, die jedoch im Vergleich zum weltweiten Wachstum eher enttäuschend ausfällt. Lateinamerika-weit ist mit einem Wachstum von 1,8% zu rechnen, wobei Brasilien den Trend mit voraussichtlich 3,0% anführt, gefolgt von Mexiko mit 2,2%. Während in Kolumbien ein leicht positives Wachstum erwartet wird, verschlechtern sich die Wachstumsraten in Chile und Peru. Argentinien wird aller Voraussicht nach weiterhin in der Rezession verbleiben. Aufgrund der Neuwahlen in Brasilien und Mexiko sowie des IWF-Programms in Argentinien, wird ein besonderer Fokus auf diese Länder gelegt.

Insgesamt sind für die Region drei Entwicklungen zu beobachten:

  • Erhöhte Binnennachfrage
  • Steigender Inflationsdruck
  • Notwendigkeit fiskaler Anpassungen

Angesichts des weltweit stagnierenden Wachstums wird das Wachstum in Lateinamerika ab 2019 in erster Linie durch eine erhöhte Binnennachfrage entstehen. Insbesondere in Brasilien ist nach Ende der großen Wirtschaftskrise sowie der Wahl des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro wieder verstärkt mit Investitionen zu rechnen. In den anderen Ländern sollten moderate Rohstoffpreise  sowie eine verbesserte Arbeitsmarktlage zu mehr Konsum führen.

Obwohl die Inflationsraten in Lateinamerika (ausgenommen Venezuela) nicht besorgniserregend sind, ist ein Wachstumstrend zu verzeichnen, der die steigenden Energiepreise und Währungsschwankungen widerspiegelt. Entsprechende Reaktionen der Zentralbanken sind zu erwarten. Allerdings ist in Argentinien und Mexiko mit Zinssenkungen zu rechnen.

Fast alle lateinamerikanischen Länder leiden unter zu großen Haushaltsbudgets. Dies zwingt sie dazu, entsprechende fiskale Anpassungen vorzunehmen, z.B. indem sie den öffentlichen Sektor verkleinern und/oder das Steuervolumen zu erhöhen. Argentinien unterwirft sich unter Protest der Bevölkerung erneut den IWF-Richtlinien, um seinen Haushalt zu konsolidieren. In Brasilien wird die Regierung Bolsonaros daran gemessen werden, wie gut er die dringend benötigten Renten- sowie Arbeitsmarkt- und Steuerreformen umsetzt. In Mexiko bleibt es abzuwarten, wie AMLO seine Sozialpolitik finanzieren wird, ohne Steuern anzuheben. In Kolumbien und Chile sollen neue Steuerreformen verabschiedet werden. Fiskalpolitisch befindet sich Lateinamerika 2019 folglich im Umbruch.

https://www.economiaemdia.com.br/EconomiaEmDia/pdf/Economic_Outlook_dec-18.pdf

 

Länder-Trends im Überblick

 

Argentinien

Obwohl die Andenregion 2019 ein leichtes Wachstum verzeichnen wird, wird Argentinien voraussichtlich in der Rezession bleiben. Dies ist auf die IWF-Fiskalvorgaben zurückzuführen, die voraussichtlich zu starken Kürzungen bei öffentlichen Ausgaben führen werden. Während diese Einschränkungen notwendig sind, um das Vertrauen des Marktes zurückzugewinnen, finden sie unter großen Protesten der Bevölkerung statt. Deren Unmut könnte sich 2019 in der Präsidentschaftswahl ausdrücken, was wiederum den Erfolg der IWF-Sparmaßnahmen gefährden könnte.

Hintergrund:

In den Jahren 2016 und 2017 genoss Argentinien eine makroökonomische Stabilität, die darauf zurückzuführen war, dass ausländische Investoren das Haushaltsdefizit finanzierten. Gleichzeitig stiegen Außenbilanzen, die Inflationsrate und die Überschussliquidität bei der Zentralbank. In Kombination mit international strengeren Finanzkonditionen und internem Politikversagen führte diese Entwicklung zu einem freien Fall des Pesos und hohen Inflationsraten. Folglich musste Argentinien im Mai 2018 um IWF-Unterstützung bitten. Das Hilfsprogramm ist auf zweimal 3 Jahre mit einer Unterstützung von rund $60 Milliarden angelegt und beruht auf zwei Säulen. Einerseits soll das BIP-Defizit von aktuell 2,6% bis 2020 zu einem Plus von 1% werden. Dies soll durch Budgetkürzungen und Steuererhöhungen erfolgen. Während die Macri-Regierung die „schwarze 0“ bis 2019 erreichen könnte, ist es jedoch fraglich, ob die Folgeregierung die Bedingungen des IWF erfüllen wird. Die zweite Säule besteht aus einer finanziellen „Zwangsjacke“, die die Inflation bekämpfen soll, um die Beständigkeit des Pesos als Währung beizubehalten.

Aufgrund der strengen Sparmaßnahmen ist in Argentinien für 2019 und 2020 mit einer Rezession von insgesamt 5% Negativwachstum zu rechnen. Dies wiederum hat sinkende aber dennoch hohe Inflationsraten bei gleichzeitig sinkenden Gehältern und reduzierten Sozialleistungen zufolge, was in einem politischen Backlash bei den Wahlen 2019 resultieren könnte. Ein Politikwechsel würde hingegen die wirtschaftliche Stabilität Argentinien weiter gefährden.

 

Brasilien

Nach der Wahl des Marktliberalen Jair Bolsonaros zum neuen Präsidenten Brasiliens stieg der Wert des Brasilianischen Real sprunghaft an, was das Vertrauen des Marktes in die Wirtschaftskompetenz der neuen Regierung widerspiegelt. Dies ist einerseits auf den designierten Finanzminister und ehemaligen Investmentbanker Paulo Guedes zurückzuführen, andererseits auf die Bereitschaft Bolsonaros, die langfällige Rentenreform sowie Haushaltskürzungen anzugehen.

Hintergrund:

Zwischen 2014 und 2016 litt Brasilien unter der stärksten Rezession, die das Land je erlebt hatte. Die darauffolgende wirtschaftliche Erholung verlief langsam und geringfügig mit Wachstumsraten von lediglich 1% 2017 und respektive 1,5% 2018. Korruptionsskandale und der LKW-Streik haben die wirtschaftliche Erholung des Landes weiterhin erschwert. Allerdings bietet die Rezession auch gewisse Vorteile, wie z.B. die sinkende Inflationsrate seit 2016 sowie große Verbesserungen hinsichtlich externer Konten. Infolgedessen ist ein moderates Wachstum ohne die Gefahr einer „Überhitzung“ zu erwarten. Abhängig ist die Entwicklung Brasiliens 2019 auch von der Entwicklung bzw. der Beziehung zu China, wobei Bolsonaro auf die wirtschaftliche Entkopplung und Umorientierung zugunsten der USA, Europa und seinen lateinamerikanischen Nachbarländern setzt. Höhere Rohstoffpreise und ein erstarkender Brasilianisch Real könnte Wachstumsraten sogar bis zu 3,5% pushen.

 

Mexiko

Aufgrund der vielen angekündigten Sozialprogramme unter der neuen Regierung AMLOs, ist in Mexiko zunächst mit höheren Staatsausgaben zu rechnen. Hinsichtlich der Makrostabilität des Landes ist die politische Ausrichtung AMLOs eventuell kontraproduktiv, wie sich an dem gecancelten Weiterbau des Flughafens in Mexico City zeigt. Dies hängt jedoch davon ab, wie AMLO mit den Sorgen der internationalen Investoren und privaten Unternehmer umgeht. Sein Versprechen, bestehende Staatsverträge mit privaten Unternehmen auf ihre Rechtmäßigkeit hin zu überprüfen (Stichwort: Korruptionsbekämpfung) könnte auch als Vertrauen schaffende Maßnahme am Markt gewertet werden. Der Abschluss des NAFTA-Nachfolgevertrages UMSCA könnte ebenfalls wieder zu mehr Investitionen führen. Insgesamt ist für 2019 ein BIP-Abfall von 0,5-1% zu erwarten, wodurch sich Haushaltsdefizit auf 3,5% des BIP belaufen würde.

Hintergrund:

Durch das Handelsabkommen UMSCA wird mehr Klarheit in die internationalen Handelsbeziehungen Mexikos gebracht. Das Abkommen bezieht sich auf neue Sektoren, die im NAFTA nicht enthalten waren (elektronischer und digitaler Handel), verstärkt die Regeln hinsichtlich intellektuellen Eigentums, regelt Arbeitsrechte und Umweltfragen und schafft neue Richtlinien für Finanzdienstleistungen. Darüber hinaus schafft es Rechtssicherheit und Konfliktlösungsmechanismen für Anti-Dumping-Fragen. Am wichtigsten sind jedoch die Veränderungen in der Autobranche, wo nun 75% des Autos im eigenen Land hergestellt werden muss, um unter das Preferential Tariff Treatment zu fallen, wobei 40-45% des Autos zu einem Mindestlohn von $16 hergestellt werden muss. Aufgrund diverser Nebenbestimmungen mit den USA und Canada werden die neuen Regelungen voraussichtlich keinen negativen Effekt auf Mexiko haben. Hinzu kommt, dass Mexiko von dem Handelskrieg zwischen den USA und China dahingehend profitieren kann, dass Mexiko und China ähnliche Branchen in den USA beliefern.

Die erwähnten höheren Staatsausgaben resultieren aus Infrastrukturprojekten (Straßen, Bahnen, Raffinerien) und Sozialprogrammen (höhere Renten bei späterem Renteneintritt, Jugendprogramme). Darüber hinaus sollen Umsatz- und Einkommensteuer gesenkt werden. Diese Ausgaben sollen mit dem geplanten Haushaltscut von 2% des BIP in Einklang gebracht werden. Dazu sind Gehaltsreduzierungen für Beamte, der Abbau von redundanten Stellen, die Zentralisierung des Beschaffungsprozess der Bundesbehörden und die Reduzierung von Ermessensübertragungen  zu Bundestaaten und Gemeinden geplant.

 

Andenregion (Chile, Kolumbien, Peru)

Die Kombination aus günstigen Rohstoffpreisen und geringen Zinsraten dürfte auch in der Andenregion den Binnenkonsum ankurbeln. Während dies zu einem erhöhten Wachstum in Kolumbien führen sollte, ist in Chile und Peru nach einem starken Wirtschaftsjahr 2018 mit einem verlangsamten Wachstum zu rechnen. In Chile sind die Preise trotz eines schwachen Pesos nach wie vor hoch und in Kolumbien nimmt die Inflation aufgrund der schwachen Währung zu. Während in Chile bereits die Zinsraten durch die Zentralbank angezogen werden (voraussichtlich bis zu 4,5% bis 2020), sollten entsprechende Maßnahmen auch in Kolumbien und Peru ergriffen werden, um die Inflationsziele zu erreichen.

 

Chile

In Chile ist für 2019 ein Wirtschaftswachstum von 4,0% zu erwarten, was auf das allgemeinen Vertrauen das Marktes, hohen Binnenkonsum, günstige Kredite, einen verbesserten Arbeitsmarkt und reduzierte Haushaltsschulden zurückzuführen ist. Die Inflationsrate ist mit 2% gering, wobei ein Aufwärtstrend zu verzeichnen ist. Allerdings hat die Marktexpansion bisher nicht den gewünschten Erfolg in der Schaffung neuer Arbeitsplätze gebracht und auch die Gehaltsentwicklungen bleiben hinter den Erwartungen zurück. Politisch betrachtet plant Präsident Piñera eine Steuerreform sowie erhöhte Rentenbeiträge für Arbeitnehmer. Da seine Koalition jedoch in beiden Kongresskammern keine Mehrheit hat, bleibt die Umsetzung seiner Pläne fraglich.

 

Kolumbien

In Kolumbien ist für 2019 ein verstärktes Wachstum, jedoch unterhalb des eigentlichen Potenzials des Landes von 3,2% zu erwarten. Aufgrund der Aussicht höherer Ölpreise und der Gewissheit über die neue Regierung unter Iván Duque ist mit einem höheren privaten Konsum, der schnelleren Umsetzung von Investitionsprojekten sowie wie mit mehr Export zu rechnen. Duques angestrebte Finanzreform wird dabei der Litmustest seiner Regierung, was angesichts dessen, dass seine Partei keine Mehrheit im Kongress hat, eine Herausforderung darstellt. Aufgrund der finanziellen Verbindlichkeiten der Regierung in Sachen Frieden, Infrastruktur und Sozialprogrammen können keine signifikanten Einsparungen vorgenommen werden, um das Haushaltsbudget zu schmälern. Folglich wir die Regierung darauf angewiesen sein, neue Einkommensquellen zu erschließen. Dazu gehören neben selektiven Steuererhöhungen auch Privatisierungen und das Anlocken ausländischer Investoren. Angesichts dessen, dass Duque die Kapitalertragssteuer bis 2022 von 37% auf 30% senken will, ist es fraglich, inwiefern die Erhöhung der Steuereinnahmen dennoch realistisch ist. Insgesamt ist Kolumbiens Entwicklung stark vom Ölpreis abhängig, ohne dass es bisher konkrete Pläne zur Steigerung der Erdölproduktion gibt. Gleichzeitig stellen auch die zunehmenden Migrationsströme aus Venezuela ein Risiko für die Sozialausgaben Kolumbiens dar.

 

Peru

Während Peru 2017/18 unter einer Reihe von wirtschaftspolitischen Schocks litt (Korruption, Naturkatastrophen, Impeachment des vorherigen Präsidenten) , ist für 2019 eine Erholung im Rahmen eines Wachstums von 3,6-3,8% zu erwarten. Dieses moderate, unter dem Potenzial des Landes verbleibende Wachstum ist unter anderem auf die anstehenden Regionalwahlen im Oktober zurückzuführen, die die Durchführung struktureller Reformen 2019 eher unwahrscheinlich machen. Aufgrund des verbesserten Arbeitsmarktes ist jedoch mit steigendem Privatkonsum und Privatinvestitionen zu rechnen. Darüber hinaus zeigt Peru Finanzdisziplin hinsichtlich der Reduzierung des Haushaltsdefizites von 3%  2018 auf 1,9-2,7% bis 2020, was wiederum auf angehobene Verbrauchssteuern zurückzuführen ist. Eine weitere positive Entwicklung Perus hängt in erster Linie von strukturellen Reformen ab, die wiederum eine Einigkeit von Regierung und Oppositionsparteien erfordert. Da Präsident Vizcarra aktuell nur über eine Minorität im Kongress verfügt, ist deren Umsetzung fragwürdig.

 

Risikofaktoren für das Wachstum in LATAM

Die positiven Prognosen für Lateinamerikas Wirtschaftswachstum 2019 basieren darauf, dass lang überfällige Reformen durchgeführt werden. Dementsprechend bestehen die Risiken für Wachstum in folgenden drei Faktoren:

  • Politikversagen im Innern (Brasilien & Mexiko)
  • Politikversagen von Außen (IWF in Argentinien)
  • Globale Entwicklungen (China)

Der Erfolg der lateinamerikanischen Wirtschaftsmotoren Brasilien und Mexiko hängt davon ab, inwiefern beide Regierungen ihren Haushalt konsolidieren, notwendige Reformen durchführen und ihre makroökonomische Stabilität gewährleisten können. Politikversagen im Innern  ist daher der größte Risikofaktor für Lateinamerikas Wirtschaft 2019. Öffentliche Ausgaben in Mexiko müssen durch Ersparnisse oder neue Steuern gegenfinanziert werden, da sie sonst die Finanzdisziplin des Landes untergraben und zu schlechten Ratings auf dem internationalen Finanzmarkt führen können.

Ebenso gefährlich ist ein Politikversagen von Außen, d.h., wenn der IWF-Plan zur Stabilisierung Argentiniens durch Schuldenumstrukturierung versagt und in der Wahl einer neuen, populistischen Regierung resultiert.

Darüber hinaus sind können auch Globale Entwicklungen Lateinamerikas Wirtschaftswachstum gefährden. Sollte Chinas Wirtschaftswachstum niedriger als erwartet ausfallen, würde dies zu einem Verfall der Rohstoffpreise führen, was wiederum eine wichtige Einnahmequelle für die lateinamerikanischen Länder ist.

 

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